Close
2018. szeptember
h k s c p s v
« máj    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930

A Süddeutsche Zeitung cikke

Freitag, 26. November 2010 Süddeutsche Zeitung Nr. 274 / Seite 15 FEUILLETON

Roma in Budapest – viele Ungarn verteufeln sie als Kleinkriminelle, der Staatssekretär für soziale Integration behandelt sie als Bürger mit eigener Kultur.           Foto: Regina Schmeken
Das Leben der anderen

 

Die Roma sind seit tausend Jahren in Europa, doch Respekt bekamen sie nie; ausgerechnet in Ungarn sucht man nun neue Wege

 

Wer in Mittel- und Osteuropa mit der Volksgruppe der Sinti und Roma zu tun hat, tut sich schwer, den Forderungen nach politischer Korrektheit bei der Benennung nachzukommen. Während dieBetroffenen etwa in Deutschland und Österreich den Begriff Zigeuner als diskriminierend und verächtlich wahrnehmen, nennen sich Menschen im Osten der Slowakei, in Ungarn, der Ukraine, in Rumänien und Bulgarien selbst Zigeuner, besingen voller Stolz ihre „Negritude“,ind keineswegs verstimmt, wenn man sie die „Schwarzen“ nennt, wie sie selber ihre Landsleute in durchaus distanzierender Absicht die „Weißen“ nennen.

Wie ist es zur Zuspitzung im Zusammenleben der Mehrheitsbevölkerungen Europas mit dieser uralten Mitbewohnerschaft gekommen? Nicht dass eitel Glück geherrscht hätte, in den beinahe eintausend Jahren, die auch Roma Europa bevölkern. Und die in so manche Gegend des Kontinents zusammen mit jenen eingewandert sind, von denen sie sich jetzt als Neulinge und Fremde beschimpfen lassen müssen, unter der Parole: Zurück nach Indien! Viel zu oft wurden aus den Drohungen Pogrome. Nicht nur die Verfolgung durch die Nazis und ihrer Verbündeten, der fast ein Viertel der damals eine Million europäischen Sinti und Roma zum Opfer fiel. Schon im Mittelalter gerieten die Zigeuner in den Bannstrahl der Hexenverfolgungen. 1551 verfügte der Reichstag zu Augsburg, dass alle Zigeuner das Land zu verlassen haben. 1721 befahl Karl VI. von Österreich-Ungarn die Auslöschung aller Roma in seinem Herrschaftsgebiet. In diesen tausend Jahren hat es aber auch Platz und Raum und Bewegungsfreiheit für die Volksgruppe gegeben.

Nicht eben als erbetene Nachbarn, so doch als sperriger, aber altgewohnter Teil der so vielschichtigen europäischen Völkermelange. Das postindustrielle Zeitalter hat offenbar all die Nischen wegrationalisiert, die den Roma früherer Generationen eine angemessene Rolle im großen Mantel der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung gestattet haben. Die Einebnung von Sitten und Gebräuchen, die Vereinheitlichung von Geschmack und täglichem Bedarf, hat jene Räume versiegelt, in denen früher dieses Volk sein Auskommen sowie ein Minimum an Respekt und Akzeptanz genossen hat.

Nun gilt Toleranz längst als eines der Kernelemente der europäischen Kultur, mit denen man sich der Einflüsse und  Einflüsterungen aus neuen ideologischen Windrichtungen zu erwehren sucht. Diese als nobel erachtete Haltung
Der klassische Berufsweg reißt den Menschen aus seiner Familie

hat freilich ihre Mängel, wenn es darum geht, Mitbürgern wahrhaftig Augenhöhe einzuräumen. Toleranz ist ein hierarchischer Begriff, Toleranz ist autoritär. Es sind Figuren wie Friedrich der Große, der Reformkaiser Joseph II. oder auch die aufgeklärten Fürsten Mitteldeutschlands, die mit ihren Toleranzedikten Duldung gewährten, zu aller Nutzen, aber von oben herab. Wer toleriert, steht oben, hat Macht oder Position, Toleranz zu gewähren. Wer Toleranz genießt, steht unten und hat sie gewöhnlich verdammt nötig. Roma sind in der europäischen Geschichte toleriert worden, respektiert wurden sie selten. Vielleicht liegt hier das Erzübel, das es in tausend Jahren verhindert hat, dass sich beide Lebensweisen, die sich bei Roma und Mehrheitsbevölkerung gegenüberstehen, einander verständigen und ein Miteinander auf Augenhöhe hätten finden können. Es gilt also Toleranz durch Respekt zu ersetzen, so klar und radikal, dass er die Eigenart dieser Volksgruppe zur Gänze anerkennt.

Denn eines hat sich in den Jahrhunderten gemeinsamer Existenz erwiesen:Integration in Europa hat immer in Assimilation geendet; augenfälligstes Beispiel waren die Juden, die, mehr als assimiliert, zu einer tragenden Säule dessen geworden sind, was wir als europäische Zivilisation ansehen.
Auch Roma haben immer mit uns gelebt, haben aber unsere Vorstellungen von Bildung, Wohlfahrt, Besitz, Fortschritt, und Gesellschaftsleben nie übernommen.

Viele waren durchwegs weder bereit, noch in der Lage, das zu teilen, was wir als erstrebenswerteste gesellschaftliche Werte kreiert haben, was die Mehrheitsgesellschaft an Vorstellungen von beruflichem und sozialem Fortkommen entwickelt hat.  Erfolg, Glück, Zukunft definieren sich für sie völlig anders:
Zusammensein, die Familie an sich, der Mensch unter vertrauten Menschen, das ist für sie höchste, erfreulichste Stufe des Daseins. Die materiellen Umstände, unter denen das stattfindet, sind zwar wichtig, aber nicht ausschlaggebend. So entstehen dezidierte Konflikte. Schule, Universität, hoch qualifizierte Berufstätigkeit unter „geregelten“ Umständen haben aus Roma-Sicht fatale Folgen: Sie entziehen den erfolgreichen Menschen seinem Zuhause. Was soll daran gut, vielleicht sogar beispielhaft sein, wenn der erfolgreiche Mitmensch isoliert lebt, die Familie vernachlässigen, oder vielleicht sogar vergessen muss?  Solche Erfolgslogik erschließt sich Roma nicht.
Davon leiten sich Generalprobleme ab wie die oft beklagte Unstetigkeit als Arbeitnehmer, der sporadische, widerwillige Schulbesuch, die winzige Akademikerrate, die verschwindende Zahl nach unserem Empfinden erfolgreicher Mitglieder der Volksgruppe. Das nur als Bildungsfeindlichkeit abzutun, greift viel zu kurz.

Diese Ziele müssten ja mit Pflichten und Tugenden bezahlt werden, die den eigentlichen Lebenszweck hintertreiben, nämlich Mensch zu sein unter geliebten Menschen. Was nützt der Erfolg eines Kindes, wenn die Familie vielleicht zwar mehr zum Leben  hat, aber Sohn oder Tochter selbst weit fort sind. Und wer nicht da ist, ist gleichsam schon zur Hälfte tot und könnte die  Seinen vergessen. Eine schaurige Perspektive. So pathetisch das klingen mag – nur solches Pathos wird dem fundamentalen Zuschnitt des Konflikts gerecht.

Ist die Vorstellung, Zigeuner in die materiellen und Bildungsvorstellungen des Abendlandes einzugliedern also grundsätzlich eitel? In Ungarn, im schönen Pécs (zu Deutsch Fünfkirchen), gibt es ein Roma-Gymnasium, das einzige seiner Art.
Ungarn ist andererseits das Land, in dem Roma kaltblütig erschossen werden, wo Faschisten unter dem Beifall einer Mehrheit offen gegen sie als Kriminelle und Untermenschen hetzen.

In Pécs gibt es ein Gymnasium für Roma, das einzige seiner Art

Ungarn hat gleichwohl als erstes Land Europas die Roma-Mitbürger als Herausforderung angenommen, hat viele Integrationsmodelle angeschoben, von denen freilich viele gescheitert sind. Ungarn wird zum 1. Januar den Vorsitz in derEUübernehmen. Und wiewohl der Bund der Jungdemokraten (Fidesz), der das neue nationalkonservative Regime des Viktor Orban trägt, den Roma- Hetzern nie wirklich in den Arm gefallen ist, darf man von Budapest einige Initiativen zur Sache erwarten, aus der Fülle der Erfahrungen des Landes. Es gibt in Budapest einen beherzten Staatssekretär für soziale Integration, der sein Hauptaugenmerk auf das Schicksal der Roma richtet. Zoltán Balog denkt sogar an eine Roma-Quote für öffentliche Projekte, um einen Teufelskreis zu durchbrechen: Arbeitslosigkeit und Elend bringen Roma in Verdacht, als Kleinkriminelle ihr Brot zu verdienen; die hetzerische, generelle Kriminalisierung der Volksgruppe im öffentlichen Bewusstsein versperrt ihnen wiederum die Arbeitsplätze – die Spirale dreht sich.

Müssen die Europäer nicht endlich eine Parallelgesellschaft als unvermeidliche Lösung akzeptieren? Auf dem Hintergrund der in vielen Ländern virulenten Integrationsdebatte wahrhaft ein revolutionärer Gedanke, der aber hülfe, die gegenseitigen Schuldzuweisungen aufzuheben, die die einen als unverträgliche Störenfriede, die anderen als uneinsichtige Diskriminierer brandmarkt.
Muss Europa, Mehrheitsbevölkerung und Roma gleichermaßen, nicht endlich die eigene Unfähigkeit akzeptieren, einander in breitem Rahmen zu integrieren und Respekt auch vor den Unvereinbarkeiten entwickeln? Ist nicht endlich zu akzeptieren,dass Integration nach landläufigen Vorstellungen das Ende der Kulturidentität dieses Volkes bedeutet, das anders istund dies bleiben will. Weit jenseits von Toleranz gilt es, einander Respekt zu zollen und nach Kooperationsformen zu suchen, die lebbare Zwischenwerte zwischen unseren Erfolgsmodellen und den unversehrten Lebensbedürfnissen der Minderheit erlauben. Vergangene Jahrhunderte ließen ein zwar nicht konfliktfreies, aber kooperatives Zusammenleben ohne totale Angleichung zu.  Ist die postindustrielle Gesellschaft so eng und einfallslos, dass ein anderes Lebensglück als Besitz und Beruf gnadenlos als zivilisatorische Leistung diskreditiert wird, auch wenn dies für diese Mitbürger das Ende des Menschseins bedeutet?

MICHAEL FRANK

Share via email+1

Share on FacebookShare on Twitter