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Rede von Minister Zoltán Balog anläßlich der Eröffnung des Leipziger Lichtfest, 09. Oktober 2012

Sehr geehrte Bürgerinnen
und Bürger von Leipzig!

Sehr geehrter Herr
Oberbürgermeister Jung!

Herr Dalos!

Liebe Freunde von Ungarn!

Das erste Mal musste
ich 1981 nach Leipzig fahren, als ich mit meiner kleinen Familie in
unserer Wohnung in Halle einen Dauerbrandofen installieren wollte und
dazu die Genehmigung des Bezirksschorsteinfegers brauchte, der in
Leipzig seinen Amtssitz hatte. Den Geruch von Braunkohlebriketts habe
ich immer noch in der Nase.

Forrás: leipzig.de

 

 

Heute sind wir aber
hier, um zu feiern! Wir feiern die friedliche Revolution der
Leipziger Frauen und Männer, die mit ihren Gebeten und Kerzen
stärker waren, als die dumme, bürokratische und ideologistische
Waffenmacht der damaligen Staatspartei. Wir, manche Ungarn, beteten
damals mit. Ich betete damals im Aufnahmelager der
DDR-Ausreisewilligen in Budapest mit, am 10. September, als die
Grenze zwischen Ungarn und Österreich frei wurde.

Sie haben zu dem
heutigen Fest Ungaren eingeladen – unterschiedliche Ungarn. Es ist
gut so. Es wäre noch besser, wenn auch ein Gespräch möglich
gewesen wäre. Unterschiedliche Ungarn. Sie in Leipzig sind ja auch
verschieden!

Mit Ungarn lässt es
sich eigentlich gut feiern. Es war auch vor der Wende nicht anders.
Deutsch-deutsche halb-illegale Treffen in Budapest und am Plattensee,
am Balaton mit ungarischen Beilagen. Es sind schöne Erinnerungen,
trotz der damaligen Trennungen und gelegentlichen behördlichen
Schikanen.

Aber es gibt –
wissen Sie – heute Ungarn, mit denen Sie nicht so gut feiern
könnten. Menschen, die sich selbst als die Verlierer der sogenannten
Wende sehen. Zur Wende sagen wir in Ungarn „Systemwechsel”.
Kritiker sagen eigentlich nur „Methodenwechsel”. Verlierer der
Wende sind Menschen, denen die ersehnte Freiheit keine Gerechtigkeit,
keine Chancengleichheit gebracht hat. Im Gegenteil: Alte
Ungerechtigkeiten wurden zementiert. Von denen, die früher, vor der
Wende aus Parteignaden oben waren, sind nun viele durch die
Umwandlung politischer Macht in Wirtschaftsmacht oben geblieben. Und
die auch schon im sogenannten Sozialismus unten waren, sind unten
geblieben; nun ohne Job, ohne richtige Ausbildung, ohne richtige
Hoffnung auf einen Aufstieg. Und sie sind sogar um eine Illusion
ärmer geworden. Freiheit bedeutet nicht automatisch Gerechtigkeit.
Ihr Lied heißt: „Gegangen sind die Tanken, gekommen sind die
Banken.”

Forrás: leipzig.de

 

 

Verlierer der Wende
– in Ungarn vor allem Roma, auch Zigeuner genannt, aber auch
Nichtroma-Ungarn, heute mehr als anderthalb Millionen, die unter dem
Existenzminimum, in tiefer Armut leben. 200 Euro pro Monat oder
weniger. Rentnerinnen und Rentner mit einer Durchschnittsrente von
250 Euro pro Monat, und keine Aussicht auf einen
Solidaritätszuschlag. Viele von ihnen meinen die Ursachen für ihr
Elend in anderen sozialen, ethnischen und kulturellen Gruppen
gefunden zu haben. Für sie ist Demokratie kein positives Wort mehr.
Sie fragen sich: Was für eine Demokratie ist das, die ihren
Bürgerinnen und Bürgern weniger gibt, als damals die Diktatur
gegeben hat?

Hier
ist nun unsere gemeinsame Anstrengung gefordert. Lasst uns für eine
Demokratie gemeinsam kämpfen, die Chancengleichheit, Solidarität,
Menschenwürde, faires Handeln und fairen Wettbewerb bedeutet. Wo
kleine und große Völker in Europa durch ihre Bürgerinnen und
Bürger einander zuhören, wo die vielen unterschiedlichen
Geschichten und Identitäten miteinander ins Gespräch kommen und
sich nicht auslöschen, sondern bestärken. Es ist nämlich so: Wer
für sich selbst – auch sozial – keine Verantwortung tragen kann,
der kann auch für andere keine Verantwortung übernehmen. Das gilt
für einzelne Länder innerhalb von Europa, es gilt für
unterschiedliche soziale und ethnische Gruppen, vor Allem für Roma
und andere Minderheiten, und es gilt auch für einzelne Menschen.

Wir sollten
gemeinsam für ein Europa einstehen, wo die Erfahrungen der
ehemaligen Ostblockländer – die kommunistische Herrschaft, die
postkommunistische Lähmung im Staatswesen und im öffentlichen
Diskurs – nicht vergessen werden, sondern gehört, verstanden und
verwendet werden als Bausteine des neuen gemeinsamen Europas. Auch
nach 22 Jahren sind dieses Bewusstsein und diese Forderung weiterhin
aktuell. Wenn es einen ehemaligen Osten gibt, dann muss es auch einen
ehemaligen Westen geben, damit Europa eine gemeinsame Zukunft hat.

Die bleibende
Botschaft der Nikolaikirche und der Wiederbestattung des
hingerichteten ungarischen Ministerpräsidenten von ´56 Imre Nagy,
die bleibende Botschaft der Prager Studenten von ´68 und der
Solidarnoscht-Bewegung müssen immer wieder neu buchstabiert werden
als gemeinsame Geschichte vom ganzen Europa, und nicht als lokale,
private Vergangenheit von Osteuropa.

Wir brauchen
kritische Solidarität in Europa. Wir, Ungarn genauso wie Sie,
Deutsche. Wir, Ungarn vielleicht sogar etwas mehr, als Sie, Deutsche.

Forrás: leipzig-seiten.de

 

 

Wir mögen Sie, Deutsche,
weiterhin. Ostdeutsche besonders. Kommen Sie nach Ungarn, feiern Sie
mit uns, schauen Sie vor Ort an, wie Ungarn heute und morgen
aussieht. Herzlich Willkommen und danke schön.

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